"THE UNKNOWN" Ausstellung zur Phaenomenale 2015 Science & Art Festival

17. September 2015

Der Titel des Science & Art Festivals Phaenomenale 2015 lautet „Das Geheimnis“. Mit verschiedenen Präsentationen und Veranstaltungen soll das komplexe Thema in seiner ganzen Spannweite und Widersprüchlichkeit interpretiert werden. Die Städtische Galerie präsentiert an einem geheimnisvollen Ort - der Silberkammer im Schloss Wolfsburg - eine Auswahl von Videoarbeiten, die uns mit geheimnisvollen Wesen konfrontieren. Diese erzählen uns Geschichten, spielen Streiche, geben uns Rätsel auf oder sind einfach nur da, wenngleich sie sich unseren Blicken entziehen. Durch ihre Fremdartigkeit oder den ungewohnten Anblick dieser Wesen eröffnen sie uns neue Aspekte des Daseins und ungekannte Möglichkeiten unsere gewohnte Umwelt wahrzunehmen. Was hat es nun mit ihnen auf sich? Wie werden sie von ihren Schöpfern, den Künstlerinnen und Künstlern, Julia Oschatz, Bjørn Melhus, Stefan Panhans und Old Boys‘ Club ins Spiel gebracht? Sind sie ein Alter Ego? Oder sollen sie uns, dem Publikum, helfen unser Verhältnis zur Kunst zu definieren?

Das HD-Video “If A Store Clerk Gave Me too Much Change” von Stefan Panhans (*1967 in Hattingen/Ruhr, lebt und arbeitet in Berlin, Hamburg und anderswo) stammt aus dem Jahr 2009 und wird auf dem großen Monitor präsentiert. Er gehört mit der Arbeit vom Old Boys´ Club zu den Neuentdeckungen in der Silberkammer: Fast unbeweglich sieht man eine Person liegend auf einem Bett aus Strohballen, eingehüllt in einen roten, wurmartigen Schlafsack. Die Umgebung erinnert an eine Garage oder an einen Keller. Aus dem Kopfteil des Schlafsacks blickt eine clownhaft geschminkte Gestalt mit roter Perücke, deren Gesicht an eine Schminkmaske der Band Kiss erinnert. Sie hat sich zwar hingelegt, kommt aber nicht zum Schlafen. Mit einem wirren Monolog und ständig änderndem Ton, der mal belehrend, beschwörend, flüsternd oder schreiend ist, hält sie sich wach. Fortlaufend fallen befremdende Botschaften aus ihrem Mund wie soziales Networking, Profilfragebögen für Partnerbörsen und das Jagdverhalten eines urzeitlichen Raubtieres, aber auch Anleitungen zu fernöstlicher Glücksphilosophie, Tipps zur Steuererklärung oder karrierebewusstes Psycho-Coaching. All dies scheint antrainiert, um ein großes Ziel zu erreichen: „DU gehst ab jetzt den VERTIKALEN Weg, du gehst unaufhaltsam nach oben, auf den Gipfel, ganz weit hoch in eine freie, große Weite.“ Aber wird die Figur tatsächlich noch aufsteigen oder wird sie bis zum Ende in ihrer Position verharren?

Die Arbeiten von Old Boys´Club haben sich direkt auf die Wände und die Decke der Silberkammer gelegt. Es sind digitale Anima-tionen, die auf der Basis von Zeichnungen mit Wasserfarben entstanden sind. In den Arbeiten sind Figuren zu sehen, die purzeln, sich verrenken, verschwinden und wieder auftauchen. „Insoluble“: Eine Figur bewegt sich durch den Raum, ist in sich verknüpft und erinnert an Varietékünstler, die ihre Glieder und Körperteile ganz leicht ineinander verschränken, aber auch elegant wieder lösen können. Hier allerdings ist der Vorgang „insoluble“ (unlöslich), vorne und hinten, oben und unten sind in der Figur aufgegangen. Bei „Controversy“ (Kontroverse) bewegt sich eine Gestalt, die keinem bekannten Wesen zuzuordnen ist, ohne erkennbares Ziel mit Füßen, aber ohne Arme, mit großem Körper und Vogelgesicht, mal rollend und kugelnd, mal schleichend und kriechend vorwärts oder rückwärts. Hinter dem Old Boys´ Club verbirgt sich die Künstlerin Katya Bonnenfant (*1975 in Belfort/Frankreich), die in erster Linie als Webdesignerin bekannt wurde, aber auch in den Bereichen von Klang und Musik, Video, Animationsfilm und Darstellender Kunst arbeitet. Als Individuum hat sie das künstlerische ICH aufgelöst und firmiert nun als Old Boys´ Club, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Arbeit und die Welt von Künstlerinnen und Künstlern eine Vielfalt ist, an der viele Bewohnerinnen und Bewohner teilhaben können. (www.katya-bonnenfant.com)

Bereits im Jahr 2006 hatte Julia Oschatz (*1970 in Darmstadt geboren, lebt und arbeitet in Berlin) eine große Einzel-ausstellung „Vager Vagabund“ in der Städtischen Galerie Wolfsburg, in der die von ihr geschaffene Figur „das Wesen“ entdeckt werden konnte: Es ist eine grau gekleidete Figur mit Tierkopf und tapsigen Klumpfüßen. Sie ist weder männlich noch weiblich, weder Mensch noch Tier. „ Das Wesen“ ist eine Figur, die sich bei ihrer Arbeit nach und nach herausbildete und deren Gestalt zunächst in Verbindung mit Narrenkappen entwickelt wurde und die mit der Sympathie der Künstlerin - wie sie selbst sagt „für Katzen, für Tiere überhaupt zu tun hat. Und ein bisschen Teufel und Werwolf ist auch dabei." Die gezeigten Sequenzen führen eine Geschichte ohne Anfang oder Ende vor. Eine Erzählstruktur ist nicht zu erkennen aber einzelne, durchaus komische Situationen, so auch in dem hier präsentierten Videoloop „FICTION FOLLOWS FORMS“ aus dem Jahr 2008. „Ich versuche in Animationen ein Nebeneinander herzustellen. Es geht nicht um eine konkrete Geschichte, um ein Ganzes mit Anfang und Ende, sondern um sichtbare Suche, Versuche. Die Sprünge oder Hüpfer sind weder im ratlosen Umschalten der Fernsehkanäle, noch im film-dramaturgisch durchdachten Schnitt zuhause. Sie ändern sich eher wie das Wetter im Mai.“, erklärt Julia Oschatz. (www.juliaoschatz.com)

Von Bjørn Melhus (*1966 in Kirchheim/Teck, lebt und arbeitet in Berlin) sehen Sie das Video „No Sunshine“ aus dem Jahr 1997, präsentiert in PAL (Phase-Alternating-Line) auf einem analogen Monitor. Bjørn Melhus ist ein genauer Beobachter der durch Musikvideo- und Werbefilmästhetik geprägten Welt und in seinen Videoarbeiten verkörpert er meistens selbst die dargestellten Figuren, so auch in „No Sunshine“. Melhus spielt vier Personen, die in kurzen Pop-Song-Phrasen in unterschiedlichen Konstellationen miteinander kommunizieren: im Duett, gegeneinander oder direkt der Kamera zugewandt. Die Körper der infantil und naiv wirkenden Figuren scheinen in einem virtuellen Raum zu schweben, der Innen- und Außenraum sind ineinander verwoben. Gefangen in ihren Anzügen beobachtet und kommentiert ein Paar die Aktivitäten des anderen. Es scheinen Aktivitäten zu sein, die sie zu großer Aufregung antreibt und mit kindlich-naiver Stimme kommentiert werden. (melhus.de)

Wir danken den Künstlerinnen und Künstlern sowie der Galerie Anita Beckers Frankfurt (www.galerie-beckers.de) für die Unterstützung.

  • Thursday, 17. September, 19.00–22:00 cet
    „Erste Präsentation im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung “